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04.12.2010 RED PEPPERS DIE RAGTIME-FRAUEN
 

Darmstädter Echo vom 06.12.2010:

Keine Männersache

Musik: Was Frauen für den Ragtime geleistet haben, zeigt ein Abend im Kennedyhaus

DARMSTADT: Als ein »kompliziertes unmusikalisches Geräusch«, das von »einer kleinen Armee von Teufeln hervorgebracht zu sein scheint«, charakterisierte der Musikwissenschaftler Gustav Kühl den neuentstandenen Stil des Ragtime, dem er 1903 in einer kleinen amerikanischen Bar bei Georgia zum ersten Mal begegnete. Sein synkopenlastiger Rhythmus schien wie ein Adrenalinstoß auf die müde gewordene Klaviermusik des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu wirken. Nicht leichtfüßig wie ein Straußwalzer, sondern launisch wie ein bockendes Pferd, überwältigte er das Publikum und führte zu einer augenblicklichen »Elektrisierung der Beine«.

Als König des Ragtime gilt der afroamerikanische Komponist Scott Joplin. Weniger bekannt sind dagegen die zahlreichen Frauen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Ragtime-Komponistinnen hervortaten. Ihnen widmeten der Pianist Marcus Schwarz und Sprecherin Anja Haverland auf Einladung der Chopin-Gesellschaft am Samstag einen musikalisch-literarischen Abend im Darmstädter Kennedyhaus. Unter dem Titel »Red Peppers - die Ragtime-Frauen« erklang Musik amerikanischer Komponistinnen, die heute, anders als Joplins Schaffen, weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Sadie Koninsky war die erste weiße Frau, der es mit ihrem 1896 entstandenen »Eli Green's Cakewalk« gelang, die Stimmung des afroamerikanischen Ragtime einzufangen. Mit einer gelungenen Mischung aus tastensicherer Prägnanz und verspielter Lässigkeit verlieh Marcus Schwarz dem Pionierwerk aus der Feder einer Siebzehnjährigen markante Konturen.

Überschwang und Melancholie kennzeichneten den »Horse shoe Rag« aus dem Jahr 1911 von Julia Lee Niebergall. Aufhorchen ließ bei der Darmstädter Veranstaltung aber vor allem der elegante Kompositionsstil von May Aufderheide, die aufgrund ihres melodischen Ideenreichtums und rhythmischen Esprits als bedeutendste Ragtime-Komponistin angesehen wird.

Mit Auszügen aus Romanen, Biografien, Musikkritiken und Tagebuchnotizen ließ Sprecherin Anja Haverland die Lebenswirklichkeit der Komponistinnen plastisch werden. Viele von ihnen gaben ihr Handwerk unmittelbar nach der Eheschließung auf. Nur wenigen gelang es, sich auch als verheiratete Frau als Komponistin, Arrangeurin oder Klavierbegleiterin zu etablieren. Eindringlich beleuchteten Texte und Musik den Zwiespalt zwischen bürgerlich gesicherter Hausfrauenexistenz und einem selbstbestimmten, freien Künstlerleben.

Silvia Adler

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